Lesen, obwohl man eigentlich keine Zeit hat
Warum wir es trotzdem tun sollen
LESEWELT
9/24/20264 min lesen


Für mich als Leseratte ist es manchmal unverständlich, warum manche Menschen wenig bis überhaupt nicht lesen. Und damit meine ich nicht ihre Mails oder Ähnliches. Ich meine Bücher, richtige Schmöker, in deren Welt man versinken kann.
Wenn ich dann nachfrage, heißt es meistens: „Dafür habe ich keine Zeit.“ Fast so, als wäre es ein persönlicher Affront, wenn jemand im hektischen Alltag keine Lesezeit für sich findet. Oder als wäre ich faul, weil ich mir täglich Zeit für meine Bücher nehme.
Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen „keine Zeit haben“ und „keine Zeit einplanen“. Und genau da kommt die Priorisierung ins Spiel.
Es macht mich immer wieder traurig, dass viele Menschen es als so schwierig empfinden, wirklich Zeit zum Lesen zu finden. Natürlich ist es nicht jederzeit möglich zu lesen. Wenn der Chef gerade auf Ergebnisse wartet, ist das vermutlich ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um sich in einen Roman zu vertiefen.
Aber wenn du einmal ehrlich zu dir selbst bist, gibt es durchaus andere Dinge im Alltag, für die du dir regelmäßig Zeit nimmst: am Handy daddeln, zocken, durch Social Media scrollen, Netflix schauen und vieles mehr.
Ist die fehlende Zeit also wirklich das Problem?
Warum mehr lesen, wenn es doch so viele andere Möglichkeiten gibt?
„Ist doch egal, wie ich meine Freizeit verbringe“ ist eine häufige Aussage. Und natürlich kann man sich fragen, warum mehr lesen so viel besser sein sollte als Social Media und Co.
Ein gutes Beispiel ist mein Sohn, der ständig unter Strom steht: nicht nur während seines stressigen Jobs oder beim Sport. Nein, er wird zusätzlich ständig mit Informationen aus TikTok, Instagram und Co. „zugeballert“, die unser Gehirn in dieser Geschwindigkeit gar nicht vollständig verarbeiten kann.
Bücher sind natürlich ebenfalls ein Medium. Aber beim Lesen konsumieren wir Informationen anders: Wir müssen uns konzentrieren, Zusammenhänge herstellen, Bilder im Kopf entstehen lassen und das Gelesene reflektieren. Lesen kann dadurch Konzentration und Vorstellungskraft fördern und uns dabei helfen, für eine Weile aus dem ständigen Informationsstrom auszusteigen.
Mache doch einmal einen kleinen Selbstversuch: Beobachte heute, wie lange du dich konzentriert mit einer einzigen Sache beschäftigen kannst – zum Beispiel mit einer Matheaufgabe, einem Puzzle mit 1.000 Teilen oder eben einem Buch.
Und dann beobachte dich nach einigen Wochen regelmäßigen Lesens noch einmal. Vielleicht stellst du fest, dass dir das konzentrierte Dranbleiben leichter fällt.
Lesen im Alltag: Auch zehn Minuten zählen
Du musst schließlich nicht jeden Tag ein ganzes Buch lesen. Und du musst auch kein Buch innerhalb einer Woche schaffen. Schon kleine Zeitfenster können einen Unterschied machen.
Vielleicht sitzt du morgens in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit und kannst dort ein paar Seiten lesen. Vielleicht nutzt du die Wartezeit beim Arzt, die Minuten im Café, bevor dein Freund kommt, oder die Zeit abends vor dem Einschlafen.
Genau darum geht es beim Lesen trotz wenig Zeit: nicht darum, plötzlich eine zusätzliche Stunde am Tag freizuschaufeln. Es geht darum, kleine Möglichkeiten für Lesezeit zu entdecken und zu nutzen.
Gerade der Abend bietet sich dafür an. Viele Menschen verbringen die letzten Stunden des Tages noch am Handy oder vor dem Fernseher und kommen anschließend nur schwer zur Ruhe. Deshalb wird häufig empfohlen, vor dem Schlafengehen auf Bildschirmzeit zu verzichten.
Warum also nicht einmal das Handy weglegen, den Fernseher ausschalten und stattdessen zu einem Buch greifen?
Such dir ein Buch, dessen Thema dich wirklich interessiert, und probiere es aus. Vielleicht stellst du fest, dass du dadurch leichter zur Ruhe kommst. Und vielleicht wird aus den zunächst zehn Minuten irgendwann ganz automatisch eine halbe Stunde.
Kein Druck: Das richtige Buch ist entscheidend
Natürlich solltest du dir als „Leseanfänger“ keinen Druck machen. Wenn dir dein erstes gewähltes Buch nicht gefällt: Brich es ab!
Es hat keinen Sinn, sich durch ein Buch zu quälen, nur weil man es unbedingt zu Ende lesen „muss“. Sonst ist die Lesemotivation schnell wieder im Keller.
Aber gib auch nicht gleich auf. Vielleicht hattest du einfach nur die falsche BĂĽcherauswahl.
Frag doch einmal einen Freund nach einer Empfehlung oder schau in meiner Lesewelt vorbei. Im CamiDo Book Club findest du regelmäßig neue Buchvorstellungen und vielleicht genau den Schmöker, der dich wieder richtig packt.
Denn manchmal liegt es gar nicht daran, dass man nicht gerne liest. Man hat nur noch nicht das richtige Buch gefunden.
Lesen ist keine weitere Aufgabe auf der To-do-Liste
Du solltest Lesen deshalb auch nicht als weiteren Punkt auf deiner ellenlangen To-do-Liste sehen, die dadurch nur noch länger wird und den du irgendwann endlich abhaken kannst.
Sieh Lesen stattdessen als Investition in dich selbst.
Lesen kann eine bewusste Auszeit vom Alltag sein. Es kann die Konzentration fördern, die Fantasie anregen und dabei helfen, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und zu reflektieren. Auch gesundheitliche Zusammenhänge werden untersucht: So gibt es beispielsweise Studien, die einen Zusammenhang zwischen regelmäßigem Lesen und einem geringeren Risiko für kognitiven Abbau beziehungsweise Demenz nahelegen.
Für mich gehört Lesen deshalb genauso zu einem bewussten Umgang mit mir selbst wie gesunde Ernährung oder Bewegung.
Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, dem Lesen einen eigenen Platz im Leben zu geben – und es nicht auf der To-do-Liste auf Platz 100 zu schieben.
Du musst dafür nicht plötzlich viel Zeit haben.
Du musst nur anfangen, dir ein bisschen Zeit zum Lesen zu nehmen.
Denn aus zehn Minuten Lesezeit können schnell zwanzig werden. Aus zwanzig Minuten kann eine feste Gewohnheit entstehen. Und irgendwann merkst du vielleicht: Mehr lesen fühlt sich gar nicht mehr nach zusätzlichem Aufwand an, sondern nach etwas, auf das du dich im Alltag freust.
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